Link zur Startseite

Nordmazedonien: Eine ganze Generation ging wegen des Namensstreits "verloren"

Außenminister Nikola Dimitrov bei "Café Europa" in Graz

Außenminister Nikola Dimitrov sprach über die erfolgreiche Beilegung des Namensstreits mit seinem griechischen Amtskollegen Nikos Kotzias am Prespa-See im Sommer 2018.  © Akademie Graz / Elke Riedlberger (alle Bilder)
Außenminister Nikola Dimitrov sprach über die erfolgreiche Beilegung des Namensstreits mit seinem griechischen Amtskollegen Nikos Kotzias am Prespa-See im Sommer 2018.
© Akademie Graz / Elke Riedlberger (alle Bilder)
Dimitrov im Gespräch mit Moderator Norbert Mappes-Niediek 
Dimitrov im Gespräch mit Moderator Norbert Mappes-Niediek
Südosteuropa-Experte Univ.-Prof. Florian Bieber, Leiter des Zentrums für Südosteueuropa-Studien der Universität Graz 
Südosteuropa-Experte Univ.-Prof. Florian Bieber, Leiter des Zentrums für Südosteueuropa-Studien der Universität Graz

Graz (26.3.2019). Wegen des 27 Jahre andauernden Namensstreits um Nordmazedonien, der die Zukunftsperspektiven seines Landes in NATO und EU blockiert hatte, habe Nordmazedonien ,eine ganze Generation mit vielen Zukunftsideen verloren", sagte Nordmazedoniens Außenminister Nikola Dimitrov gestern, Montag, bei einer Diskussion im Format eines "Café Europa, das vom Zentrum für Südosteuiropastudien der Universität Graz organisiert worden war und das gleichzeitig den Auftakt für den diesjährigen Nordmazedonien-Schwerpunkt der Serie "Hier ist Europa" der Akademie Graz bildete.

Dimitrov, der im Juni 2018 mit seinem griechischen Amtskollegen Nikos Kotzias die Beilegung des Streits vereinbart hatte, schilderte dazu den Hintergrund aus seiner Sicht: Innerhalb Jugoslawiens sei die Identität Mazedoniens kein Thema gewesen. Mit der Erlangung der Unabhängigkeit Mazedoniens wurde sie zum Konfliktfall mit dem Nachbarland Griechenland. Das Land wurde auf internationaler Ebene "Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien" (englisch abgekürzt FYROM) bezeichnet, denn das antike Mazedonien hatte sich über die aktuellen Staatsgrenzen hinaus erstreckt, wo es vor allem Teile Griechenlands und Bulgariens umfasst hatte. Ethnische Mazedonier leben auch jetzt nicht nur in Nordmazedonien, sondern auch in Griechenland, Bulgarien und Albanien.

Die Region zeichne sich durch einen Reichtum an Konflikten aus. Zur Untermauerung einer mazedonischen Identität wurden nationale Narrative als Wurzeln in einer weit zurückliegenden Vergangenheit konstruiert und Alexander der Große als Gründungsvater beansprucht. Mit dem Projekt Skopje 2014 setzte die Regierung Gruevski ab 2010 diesen Narrativ kostenintensiv ins Stadtbild, mit unzähligen Statuen und pseudohistorischen Neubauten.  

Er, Dimitrov, verstehe als Mensch und als Außenminister die Identität (s)eines Landes anders. Weil die Gegenwart nicht großartig sei, suche man nach Größe in der Geschichte. Je tiefer in der Vergangenheit die Nation legitimiert werde, desto weniger selbstbewusst sei sie. Denn was die Identität ausmache, sei doch vor allem, was die Menschen eines Landes vermögen, welches Bildungs- und Gesundheitssystem ein Staat habe, welche Maßnahmen für eine bessere Zukunft für die nachfolgenden Generationen gesetzt werden. Das mache die Identität eines Landes aus.

Mazedonien wolle europäisch werden im Sinne des europäischen Wertekanons - mit oder ohne die Europäische Union. Denn letzen Endes seien Assoziierung und Beitrittsprozess ein wesentlicher Motor für die Entwicklung des Landes und darum gehe es. Auf die Frage von Moderator Norbert Mappes-Niediek, was die EU davon habe, wenn Mazedonien mit seiner vergleichsweise geringen Wirtschaftskraft und zwei Millionen Einwohnern EU-Mitglied werde, angesichts auch des gegenwärtigen Brexit, meinte Dimitrov, man müsse einfach die klare Frage stellen, was besser für beide Seiten sei, eine EU mit einem unstabilen perspektivelosen Nordmazedonien im europäischen Raum oder mit einer stabilen prosperierenden Demokratie ebenda. Für Nordmazedonien sei die EU-Perspektive jedenfalls zentral. "Wer drinnen sitzt, weiß oft nicht mehr, wie kalt es draußen ist", verglich er. 

Die Beilegung des Streits gelang Außenminister Dimitrov, indem er nach der Win-Win-Situation suchte. Man könne einen Streit mit einem Nachbar nicht gewinnen, sondern das Ziel müsse ein Nachbar sein, dem es gut gehe, dann könnten auch die wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte florieren und eine Grenze werden von einer trennenden zu einer produktiven Linie. Und auch für die Konflikte zwischen Albanern und Mazedoniern im Land könne es nur darum gehen, auf das Verbindende zu setzen und das sei eine gemeinsame bessere Zukunft für das Land.

Dimitrov konnte hierbei sowohl seine langjährige Erfahrung als Diplomat, unter anderem war er Botschafter in den USA und in den Niederlanden, aber auch seine Erfahrungen in der "Balkans in Europe Policy Advisory Group" (BiEPAG) einbringen. Mitbegründer dieser Gruppe war übrigens Univ.-Prof. Florian Bieber, Leiter des Zentrums für Südosteueuropa-Studien der Universität Graz, der diese Veranstaltung eröffnet hatte. Dimitrov war - als er aus Protest gegen die undemokratischen Zustände in Mazedonien sein politisches Amt zurücklegte. Nach dem Regierungswechsel 2017 übernahm Nikola Dimitrov das Amt des Außenministers. Sein erstes und wirkmächtiges Projekt war die Beilegung des Namensstreits.

Text: Elke Riedlberger 

War diese Information für Sie nützlich?

Danke für Ihre Bewertung. Jeder Beitrag kann nur einmal bewertet werden.

Die durchschnittliche Bewertung dieses Beitrages liegt bei ( Bewertungen).