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Eröffnung der Südosteuropa-Akademie: Wozu schützen wir Minderheiten?

Am Podium: Karl Kaser, Georgia Kretsi, Joseph Marko, Doris Debejak und Norbert Mappes-Niediek 
Am Podium: Karl Kaser, Georgia Kretsi, Joseph Marko, Doris Debejak und Norbert Mappes-Niediek

Äußerst unterschiedliche Ansichten über das Thema "Minderheitenschutz" zeigte die Eröffnungsveranstaltung der "Südosteuropa-Akademie" am 3. November 2005 in Graz. Ziel dieser Veranstaltung war es, die Konstruktion von Minderheiten durch das Nationalstaatskonzept zu hinterfragen sowie der kulturellen und politischen Bedeutung von ethnischen Identitäten und Problemen von Minderheitsangehörigen im Alltagsleben nachzugehen. Der Grazer Balkan-Experte Joseph Marko stellte dazu zur Einleitung provokante Fragen: "Ist Minderheitenschutz als Bewahrung von folkloristischen Elementen nicht ein überholtes Konzept? Oder ist kulturelle Vielfalt ein europäischer (Mehr)Wert an sich?"

In der Podiumsdiskussion stellten sich dann weitere Fragen, wie etwa: Wird der EU-Beitritt von Balkanländern die Probleme lösen oder werden diese Länder erst dann der EU beitreten dürfen, wenn sie selbst die Probleme gelöst haben?

Aus geschichtlicher Sicht beleuchtete der Grazer Historiker Karl Kaser: Während das ostmanische Reich durchaus unterscheidliche ethnische Gruppen akzeptierte - etwa in religiöser Hinsicht - dort eine Selbstbestimmung zuließ, waren wollte sich das katholische Habsburgerreich bis zur Annexion von Bosnien-Herzegovina nicht mit andersgläubigen Minderheiten im eigenen Staat beschäftigen. Die folgenden 200 Jahre brachten jedenfalls mehr Probleme als Lösungen. Nun dürfe man nicht auf den Balkan zeigen und sagen "Ach, wie schrecklich!", man müsse vielmehr beachten, dass dessen Völker einen "Rucksack der Geschichte" mit sich tragen müssen, der - so hoffte Kaser - möglichst bald endgültig zugeschnürt werden könne.

Die in Berlin tätige Wissenschaftlerin Georgia Kretsi beleuchtete den wenig bekannten und dennoch äußerst unterschiedlichen Umgang mit Minderheiten in Griechenland, wo es Vertreibung und Umsiedlung genauso gegeben hat wie Angst vor Diskriminierung und dadurch eine völlige Assimilierung von ethnischen Gruppen.

Als Vertreterin des Gottscheer Altsiedler Verein brachte Doris Debenjak ihre Ansicht vor, wonach in Slowenien sowohl in der seit 700 Jahren bestehenden Sprachinsel Gottschee als auch in der Untersteiermark deutschsprachige Minderheiten unterdrückt würden, zumal der Staat Slowenien nur italienische und ungarische Minderheiten akzeptiere.

Der Journalist und Bakan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek ging unterdessen auf die Diskrepanz zwischen kollektiven und individuelen Minderheitenrechten ein. Es genüge nicht, wenn Kollektivrechte in einem Staat vorgesehen werden und dadurch Individualrechte vernachlässigt würden.

Die nächste Veranstaltung der Südosteuropa-Akademie Graz beschäftigt sich am Donnerstag, dem 17. November 2005 um 17.30 mit dem Thema "Ökumenischer & interreligiöser Dialog als Beitrag zum Frieden".

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