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Freundschaftsfahrt 2007 - Bosnien und Herzegowina

Die Nationalflagge von Bosnien und Herzegowina - gehisst aus Anlass des 1. Mai. 
Die Nationalflagge von Bosnien und Herzegowina - gehisst aus Anlass des 1. Mai.

Ein Reisebericht von Josef M. Bauer 

Das Wetter hätte nicht schöner, die Route nicht attraktiver, das Klima untereinander nicht freundlicher und die neuen Bekanntschaften nicht interessanter sein können: Die Freundschaftsfahrt des Landes Steiermark führte in hierzulande unbekanntes, aber auch sehr gut bekanntes Terrain in Bosnien und Herzegowina, jener Republik am westlichen Balkan, die von 1878 bis 1918 Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie war und nunmehr bemüht ist, mit den Folgen des schrecklich-irrwitzigen Krieges im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrtausends zurecht zu kommen.

Die äußerlichen Spuren dieses blutigen Konfliktes, der auf dem Boden von religiös-fundamentalistischem Starrsinn und faschistoidem Nationalismus ausgetragen wurde, vernarben und verschwinden – die inneren für den Touristen unsichtbaren Verletzungen kommen zu Tage in Gesprächen mit Vertretern der Religionsgemeinschaften, mit Politikern oder dem Mann auf der Straße. Sie äußern sich auch in unzähligen neuen kleinen und großen Moscheen, die da in einem hyper-arabisch anmutenden Stil ihr schrilles Weiß in die wunderschöne Landschaft drängen oder auch in katholischen Stahlbeton-Kirchen, die eher an Bunker gemahnen denn an einen Hort der inneren Einkehr.

120 Steirerinnen und Steirer – an der Spitze Landesrat Johann Seitinger – machten sich am 28. April von Graz aus auf, um entlang einer überaus interessanten Route von mehr als 1700 Kilometern vier Tage lang die beiden Entitäten des jungen Staates, die Republika Srpska und die Föderation Bosnien und Herzegowina näher kennen zu lernen.

Erste Station - Bihac

Erste Station war Bihac, und bei strahlendem Sonnenschein erwartete ein Komitee mit Minister Šemsudin Dedić an der Spitze und Repräsentanten der Städte Bihac und Sanski Most die Reisegruppe. Mit dem Honorarkonsul von Bosnien und Herzegowina, Dr. Jörg Hofreiter, war auch ein TV-Team des lokalen Fernsehens gekommen, um einen Beitrag zu drehen. Den ersten landschaftlichen Höhepunkt bot dann die Fahrt entlang der Una nach Banja Luka – was für ein prächtiger Fluss, was für ein schönes Wasser. Dass es entlang der Straße Totenkopf-Schilder mit der Aufschrift „PAZI –Mine“ sonder Zahl gibt, bedrückt zwar. Aber: Dieser Fluss!  Unglaublich schön!

Entlang der Uno in einer wildromantischen Schlucht. 
Entlang der Uno in einer wildromantischen Schlucht.
Hunderter Schilder warnen: Pazi-Mine! Tausende Sprengkörper lauern nach wie vor auf Unvorsichtige. Die meisten Opfer sind Kinder und - Tiere. 
Hunderter Schilder warnen: Pazi-Mine! Tausende Sprengkörper lauern nach wie vor auf Unvorsichtige. Die meisten Opfer sind Kinder und - Tiere.
Eines von zahlreichen Minaretten spiegelt sich in der gestauten Vrbas. 
Eines von zahlreichen Minaretten spiegelt sich in der gestauten Vrbas.
Immer wieder lästig aber unvermeidlich - der Stau an der Rezeption. 
Immer wieder lästig aber unvermeidlich - der Stau an der Rezeption.
Ludwig Rader (links) bedankt sich für die freundliche Begrüßung durch Vertreter der Region rund um Bihac. 
Ludwig Rader (links) bedankt sich für die freundliche Begrüßung durch Vertreter der Region rund um Bihac.
Straßenszene in Bihac. 
Straßenszene in Bihac.
Auch Honorarkonsul Dr. Jörg Hopfreiter begleitete die Freundschaftsfahrt auf zwei Etappen und nutzte die Gelegenheit zu einem TV-Interview. 
Auch Honorarkonsul Dr. Jörg Hopfreiter begleitete die Freundschaftsfahrt auf zwei Etappen und nutzte die Gelegenheit zu einem TV-Interview.

Banja Luka – Hauptstadt der Republika Srpska

Die zentralistische Verwaltung der Republika Srpska fokussiert sich in der mit 225.000 Einwohnern gleich großen Stadt wie Graz, der Metropole Banja Luka. Bei einem Stadtrundgang am späten Nachmittag konnte man mahnende Panzerskelette als Relikte der brachialen Schlachten der Neunzigerjahre vorfinden und das Schaudern etwas später im schillernden Abendgold der Kathedrale kühlen.

Auch hier gab es durch Vertreter der Stadtregierung einen freundschaftlichen Willkommensgruß – Landesrat Johann Seitinger und der Leiter der Fachabteilung Europa des Landes Steiermark, Hofrat Ludwig Rader, wurden an der Spitze der steirischen Delegation herzlich begrüßt. Nachhaltig in Erinnerung wird ein Besuch bei Dr. Miljenko Aničić bleiben, dem Caritasdirektor von Banja Luka – was diese Organisation über alle Grenzen (Religions- und Politikgrenze) hinweg geleistet hat und heute noch leistet, ist wahrlich reif für den Friedensnobelpreis! „Alfred Nobel, schau oba!“ möchte man ausrufen und ihn bitten, beim schwedischen Komitee ein gutes Wort einzulegen …

Mit der Republika Srpska, geleitet von Premierminister Milorad Dodik, konnte die Steiermark die Beziehungen bereits ein Monat zuvor durch die Initiative von Landeshauptmann Mag. Franz Voves wesentlich intensivieren, der bei einem Vortrag an der philosophischen Fakultät der Universität im März spontan 240 Studierende zu einem Kurzaufenthalt nach Österreich eingeladen hatte.

 

Der Wasserreichtum von Bosnien und Herzegowina zeigt sich vielfältig. 
Der Wasserreichtum von Bosnien und Herzegowina zeigt sich vielfältig.
Zeugnisse vergangener Zeiten: Wehrhafte Anlagen am Flußufer. 
Zeugnisse vergangener Zeiten: Wehrhafte Anlagen am Flußufer.

Über Jajce ...

Jajce, die Krönungsstadt der bosnischen Könige, mit der wuchtig-eindrucksvollen Burg bot sich den steirischen Gästen im schönsten Kleid: Die berühmten Wasserfälle rauschten, als ob sie gerade heute einen Wettbewerb für Ansichtskartenfotos gewinnen müssten. „Gekrönt“ wurde jedenfalls der Aufenthalt durch die Anwesenheit von Bischof Franjo Komarica, der uns hier begrüßte und vor Ort – also unter Gottes weitem Firmament – mit einem Teil der Gruppe unter Landesrat Seitinger und den Honorarkonsules für Kroatien, Dr. Nikolaus Herrmann, für Slowenien, Dr. Kurt Oktabetz sowie für Spanien, José Miguél Sáenz und dem „konsularischen Hausherrn“ Dr. Jörg Hofreiter, intensive Diskussionen führte.   

Seitinger war hier besonders gefragt: Auch eine Abordnung bosnischer Bauern war gekommen um mit ihm die Möglichkeit der Unterstützung landwirtschaftlicher Projekte zu besprechen. Er sicherte zu, das in der Steiermark mit seinen Expertinnen und Experten zu beraten.

... und Travnik nach ...

Eindrucksvoll, obwohl man schon sehr vieles zu verarbeiten hatte, die Weiterfahrt durch die Vrbas-Schlucht nach Travnik, dem Geburtsort des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric, sowie ein Spaziergang durch die Stadt und ein Mittagessen in einem Restaurant mit idyllischem Gastgarten an der wuchtig sprudelnden Plava Voda-Quelle, die die Lašva speist.

Während man auch auf der Fahrt nach Sarajevo in dem einem Bus gebannt den Ausführungen von Konsul Dr. Nikolaus Herrmann lauschte und sich an dem Wissensschatz dieses grandiosen Balkanexperten erfreute, zeichnete im anderen Bus Hofrat Ludwig Rader die politischen Ziselierungen des bosnisch-herzegowinischen Staatengebildes nach. 

Und es ging wohl jeder Teilnehmerin, jedem Teilnehmer so: Je mehr interessante Details man in Erfahrung brachte, desto wacher und aufnahmebereiter wollte man seinen Geist. Der Kampf gegen die Anstrengungen der Rese, die zu einem Nickerchen im Bus verführten, konnte aber nicht von allen gewonnen werden. Die Reiseleiter, die den touristischen Teil gestalteten – Mag. Emmerich Holzmann und Branko Klug – gaben jedenfalls ihr Bestes.

Sarajewo – Vom Trauma zum Traum

Zerschossene Ruinen und ungezählte Friedhöfe mit tausenden Grabstätten bedrücken als Zeugen stumpfsinnigen Hasses den Gast, wenn er in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina einfährt. Die Grabsteine – leblos weiß in der Nachmittagsonne die moslemischen und traurig grauschwarz die der Christen – zeugen aber nicht nur vom Hass: Sie sind auch ein einzigartiges Mahnmal für das Versagen der internationalen Gemeinschaft, die viel zu lange zuließ, dass diese abgrundtiefe teuflische Respektlosigkeit so hohen Blutzoll fordern konnte.

Senan, ein junger einheimischer Führer brachte es auf den Punkt, eher ungewollt, als er bei der Busrundfahrt erläuterte: „Wir haben in der Nacht unsere Toten bestattet. Am Tag geht nicht. Immer schießen.“ Und mit unvergesslich traurigen Blick auf den Friedhof, mit einem deutlichen Knödel im Hals: „Heute spielt hier niemand Fußball!“

Dennoch – es gibt Zuversicht, wenn man sieht, wie viel trotz knapper Kassen erneuert wird, wie viel gebaut wird, welche Pläne die Manager haben, um die Träume der Menschen Realität werden zu lassen. Träume von Arbeit und Einkommen, von Wohlstand für viele und nicht nur für einige. Etwa Alfons Walsch, Generalmanager des Holiday Inn, will mit der Villacher Alpha-bau in den nächsten Jahren rund 150 bis 180 Millionen Euro im Aus- und Umbau des im Krieg als Zentrale der internationalen Truppen und der Weltpresse berühmt gewordenen Hotels investieren. Vor allem aber, was angesichts der Tausenden Toten kaum möglich scheint, macht der Polizeigeneral Walter Fallmann Hoffnung, er ist Realist und hat zwei Jahre lang in Slawonien für die UNO gearbeitet um die Konflikte zu beruhigen: „Unterschätzen wir nicht die Kraft der Versöhnung! Sie ist möglich, sie bedarf aber der weiteren mutigen Unterstützung – auch aus der Steiermark!“

Am Abend dann ein würdiger Empfang im Hotel Holiday Inn für die österreichischen Gäste, ausgerichtet vom Botschafter Österreichs in Bosnien und Herzegowina, Dr. Werner Almhofer, dem Hotelmanagement und unter Anwesenheit von Vizebürgermeister Josip  Jurišić und einer großen Abordnung der Stadt. Es wehte jedenfalls ein Hauch von hoher Diplomatie durch den Großen Ballsaal des Hotels, als sich Hofrat Rader beim Vertreter Bosniens für die Gastfreundschaft bedankte und Botschafter Almhofer auf die Bedeutung eines von Freundschaft getragenem Netzwerk hinwies. Jedenfalls war allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern klar: Ein so interessanter Tag mit einem derart würdigen Abschluss würde wohl schwer zu übertreffen sein.

Mostar und Livno – Was für ein Abschluss!

Die geteilte Stadt an der Neretva steht wie alle anderen auch noch immer unter dem Signum des Krieges. Hier wird besonders drastisch deutlich, dass die „Kraft der Versöhnung“ noch viel Nahrung braucht um zu wirksam werden zu können. Zu tief sind die Gräben, zu sehr manifestiert sich das Misstrauen gegenüber den anderen. Die katholische Franziskanerkirche mit ihrem alle Minarette überragenden 108 Meter hohem Kampagnile aus Stahlbeton erinnert an einen Atombunker. Und ihre Unterkirche ist auch als Bunker konzipiert – die Wehrkirchen des Mittelalters feiern Wiedergeburt und dabei fällt es dem österreichischen Besucher trotz aller Neutralität nicht wirklich schwer, an die Sinnhaftigkeit eines solchen Ungetüms zu glauben. Zu sehr demonstrieren die fundamentalistischen Moslems ihre Abneigung gegen alles Christliche durch den massenweisen Bau von Moscheen  (allein in Sarajewo gibt es derzeit 113 an der Zahl!)

Das Mittagmahl auf einer Terrasse nahe der Stari Most wird vielen in bester Erinnerung bleiben – So ließen es sich der Bürgermeister von Mostar, Ljubo Bešlić und der Protokollchef des Rathauses, Branimir Kačić nicht nehmen, die Reisegruppe hier zu begrüßen und beim Mittagessen ein intensive Diskussion zu führen. Unter anderen brachte sich auch hier der Honorarkonsul von Slowenien, Dr. Kurt Oktabetz ein, der sich als scharfer Beobachter aller politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der Region erwies.

Rund um die wieder aufgebaute alte Brücke von Mostar verlor sich dann die Gruppe um möglichst viel von dem orientalischen Flair aufzusaugen und mit nach Hause zu nehmen.

Nun, die Fahrt nach Livno brachte in den Bussen Erholung und Muße; der Abend im Hotel Dinara aber sollte sich als Besonderheit ersten Ranges erweisen: Auf die Initiative der Hotelleitung, insbesondere durch Frau Vizedirektorin Anđelka Mandić  wurden die 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der steirischen Freundschaftsfahrt 2007 mit einem ungemein sympathischen Gala-Abend überrascht: Ein exquisites Abendessen auf elegantest gedeckten Tischen wurde getoppt durch den Auftritt einer 14köpfigen Volkstanzgruppe in farbenfroher Landestracht und garniert mit einem Mode-Defilee von Mannequins aus der Umgebung, das nicht nur die Männer Brillen putzen ließ sondern auch die Damen zu anerkennend freundlichen Blicken verleitete. Nun ja, es war ja wirklich die Freundschaftsfahrt!

Und das sollte sich auch auf dem letzten Tag zeigen, als ein Teil der Gruppe das Versprechen des Livno-Abends einlöste und dem Freund von Konsul Nick Herrmann, Don Ante Čipčić zu dessen großer Freude in dessen kroatischer Pfarrkirche Aržano drei Kilometer von der bosnischen Grenze entfernt einen kurzen Besuch abstattete.

In den Bussen selbst wurde es trotz der mehr als 700 Kilometer nach Graz nicht langweilig – zu sehr beschäftigte das Gesehene und Gehörte die Reisenden, die über Land und Leute von Bosnien und Herzegowina in diesen wenigen Tagen mehr erfahren haben als jemals zuvor. Dank der Vortragskunst von Konsul Nikolaus Herrmann, durch die höchst interessanten Ausführungen von Brigadier i.R. Walter Fallmann, mittels der exzellent vorgetragenen hydrogeologischen Fakten der Karstlandschaft durch Professor Hilmar Zettinig, der Erläuterungen von Dr. Volker Herzeg und Bürgermeister Peter Merlini, dank Konsul Dr. Gerold Ortner, sowie dem Vortrag über die zukünftige Universitätslandschaft am Westbalkan durch die beiden Assistentinnen am Institut für Europarecht an der Uni Graz, Dr. Hedwig Kopetz und Mag. Isabella Poier verging die Fahrt im fluge – selbst Staus konnten die Stimmung nicht trüben. Und letztlich war es Professor Dr. Hubert Isak, der den Blick wieder weitete vom Westbalkan auf die Zukunft der Europäischen Union: Kommt sie oder kommt sie nicht – die Türkei?

Josef Bauer

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