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Café Europa diskutierte über Kroatien

Kroaten selbst sind eher pessimistisch

Veranstalter, Moderator und Wissenschaftler 
Veranstalter, Moderator und Wissenschaftler
Prof. Florian Bieber und Prof. Paic 
Prof. Florian Bieber und Prof. Paic
"Volles Haus" hieß es beim Café Europa. © Alle: EuropeDirect Steiermark / Bauer
"Volles Haus" hieß es beim Café Europa.
© Alle: EuropeDirect Steiermark / Bauer

Graz (8. März 2012) - Dass am Internationalen Frauentag bei einem Cafè Europa ausschließlich Männer am Podium vertreten waren, fiel zwar auf, wurde aber aufgewogen durch das Faktum, dass in der Organisation und in der Live-Übertragung ins Internet fast nur Frauen tätig waren. "Das 28. EU-Land: Kroatiens europäische Perspektiven" war das Thema des Abends, zu dem Heidi Zikulnig, Leiterin des Europedirect Netzwerkes Steiermark die Politikwissenschafter Hrvoje Paić von der Uni Wien und Nenad Zakošek von der Zagreber Universität sowie den Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Grazer Karl Franzens Universität, Joseph Marko, begrüßen konnte.

 



Der EU-Beitritt Kroatiens voraussichtlich im Juli 2013 ist ein wichtiger Schritt für das friedliche Miteinander Europas am Balkan. Die Europa-Informationsarbeit des Landes Steiermark steht daher im Jahr 2012 ganz im Zeichen Kroatiens, um Menschen, Land, Wirtschaft und Kultur näher zu bringen, aber auch um zu zeigen, wie stark die Steiermark bereits in Kroatien präsent ist, leitete Zikulnig ein.

Die Moderation fiel Florian Bieber zu, dem Leiter des Kompetenzzentrums Südosteuropa an der Karl Franzens Universität: "Kroatien hat krisenhafte Erscheinungen in seinem unmittelbaren Umfeld zu bewältigen und gleichzeitig mit internen Krisen zu kämpfen", gab er das erste Thema vor, das Nenan Zakošek sofort aufgriff: Die nach den Wahlen vom Dezember 2011 neue politische Situation sei  eine kroatische Besonderheit, nachdem zuletzt jahrelang die Konservativen den Ton angegeben hatten. "Es ist aber auch eine Chance", erklärte er, "dass die neue Regierung aus Sozialdemokraten und Liberalen eine Art ,Revival' der Europäisierung schaffen könnten." Bedauerlich aus Sicht von Zakošek sei es, dass zwar in der Elite des Landes ein breiter Europakonsens herrsche, dieser aber von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mitgetragen werde.

Die Hoffnung zur Umkehr aus eigener Kraft bestünde aller Kassandrarufer zum Trotz. "Ich bin trotz alldem optimistisch", bekannte Zakošek: "Ich würde mir wünschen, wenn wir nach dem Beitritt Kroatiens im Juli 2013 in einem weiteren ,Café Europa' eine Bestätigung dafür konstatieren könnten."

Politikwissenschafter Hrvoje Paić von der Wiener Universität holte den Alltag der Menschen in Kroatien in die Diskussion. Seine Analyse zeichnete kein besonders erfreuliches Bild: Das Vertrauen der Bevölkerung in Politik, Wirtschaft und sogar in die Kirche sei am Boden. Hier gelte es noch viel an Vertrauensarbeit zu leisten. Wenn derzeit  ein Spagat versucht werde zwischen der Ideologie von Franjo Tudjman und der neuen Ausrichtung der Regierung unter Zoran Milanović, dann könne das nicht gelingen und stelle eine erfolgreiche Entwicklung hin zu mehr Demokratie in Frage. Außerdem sei zu befürchten, dass mit dem EU-Beitritt ein "brain train" einsetze, also eine Abwanderung von Eliten.

Professor Joseph Marko beleuchtete die historische und die verfassungsrechtliche Komponente. So wies er darauf hin, dass die Europäische Union zu sehr einem reaktiven Krisenmanagement anhänge. Die USA müssen die Kastanien aus dem Feuer holen, der EU bliebe zumeist nur, den Wiederaufbau zu zahlen.

Er wies u.a. auch darauf hin, dass der von der neuen Regierung angekündigte New Deal dem neoliberalen Konzept der EU widerspreche, staatliche Interventionen zur Belebung und zur Absicherung der heimischen Industrie seien schlichtweg verboten. Hier könne das österreichische und besonders das steirische Modell Vorbild sein. Mit der Clusterbildung sei Bedeutendes erreicht worden, betonte Marko.

Die Auswirkungen auf die weiteren Staaten am Balkan, wie Bosnien und Herzegowina, seien in ihrer Vielschichtigkeit zu beurteilen. Insbesondere dem Phänomen des wachsenden Nationalismus (als gesamteuropäischem Problem) müsse man größte Aufmerksamkeit widmen. Diese Nationalismen führen zu einem Reformstau. Reformen seien aber die Grundlage für eine in Zukunft prosperierende Wirtschaft.

Angeregte Diskussionen sowohl im Internet als auch im Auditorium begleiteten die Stellungnahmen der Wissenschaftler.

Astrid Kury von der Akademie Graz beschloss den Abend und gab der Hoffnung Ausdruck, dass Symbole nationalistischen Denkens, wie die fehlende Autobahn von Slowenien nach Zagreb, auch bald Vergangenheit sein sollten.

Josef Bauer

Hinweis: Ein Mittschnitt und Interviews sind ab 13.3. verfügbar unter www.videoportal.steiermark.at !


Weitere Termine:

Literatur und Jazzabend 23.4., Europatagsfest im ORF-Zentrum: 9.5., Bildungsreise ZAGREB 17.-20.5.2012

 

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