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Europapolitische Bildungsreise Belgrad

Ein Land zwischen Nostalgie und Ideologie

Erinnerungspolitik, Nationalismus und europäische Integration als Themen der Studienreise im Rahmen des Serbien-Schwerpunktes des Europaressorts

Steirische Delegation bei der österreichischen Botschaft © europe-direct
Steirische Delegation bei der österreichischen Botschaft
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Blick auf Belgrad © europe-direct
Blick auf Belgrad
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Parlament  © europe-direct
Parlament
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Graz/Belgrad (Oktober 2014): Die Bildungsreise nach Belgrad war einer der Höhepunkte der Informationsarbeit des Landes Steiermark, das seinen Fokus in diesem Jahr auf Serbien in Hinblick auf die Integration in die Europäische Union setzt. In diesem von Landesrat Christian Buchmann initiierten Rahmen organisierte das europe direct-Team des Europareferates in Kooperation mit der Akademie Graz sowie dem Zentrum für Südosteuropastudien an der Karl-Franzens-Universität Graz ein abwechslungsreiches Reiseprogramm: Interessante Gespräche mit Experten aus Politik, Medien, Wissenschaft, Kultur und Religion über Erinnerungspolitik und Zukunftspläne sowie Besichtigung von zahlreichen Schauplätzen wichtiger geschichtlicher Ereignisse im Land.
Die serbische Regierung hat mit dem Assoziierungsabkommen im September 2013 den ersten großen Schritt in Richtung EU gemacht. Doch die Vergangenheit des Landes ist noch kaum aufgearbeitet, die wirtschaftliche Lage sehr schwierig. Es stellt sich die Frage, ob sich Serbien als Nachkriegsland mit nationalistischer Weltanschauung der Zukunft zuwenden kann und den Weg nach Europa bestreiten kann. Dieser Frage ging die steirische Delegation in ihrer Besichtigung und verschiedenen Diskussionen nach.

Novi Sad als Standort österreichisch-serbischer Verbindungen
Die Reise begann mit einer Besichtigung der Festung Peterwardein in Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens, wo die steirische Delegation herzlich empfangen wurde. Der Kurator der dortigen Ausstellung betonte seine Verbundenheit zu Österreich unter dem Aspekt des Zusammenhalts im Serbisch-Osmanischen Krieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Anschließend ging es weiter nach Belgrad, der Hauptstadt Serbiens.

Belgrad- Serbiens jugendliche Metropole und Schaubild kriegerischer Auseinandersetzungen
Dort kam es zu vielen aufregenden und informativen Gesprächen und Diskussionen. Der österreichische Botschafter in Serbien Dr. Johannes Eigner und sein Attaché Dr. Wolfgang Wagner luden zum Gespräch über das Jubiläum des Ersten Weltkrieges 1914 im nächsten Jahr und über die Asymmetrie zwischen dem guten Ruf Österreichs in Serbien und dem nachteilig belasteten Ruf Serbiens in Österreich. Der Botschafter erläuterte in diesem Lichte die schwierige wirtschaftliche Lage in Serbien: Eine Arbeitslosigkeitsrate von ca. 30%, die unter den Jugendlichen des Landes sogar 50% beträgt. Er wies jedoch auch auf die Zustimmung der Serben zur EU-Integration hin. In Hinblick auf den Beitritt seien die wichtigsten Reformpunkte die Verringerung der Arbeitslosigkeit, die Normalisierung mit dem Kosovo sowie eine Systemänderung bezüglich des Beamtentums des ehemaligen sozialistischen Regimes.
Der Bischof Andrej Cilerdzic, der am Patriarchensitz der serbisch-orthodoxen Kirche in Belgrad tätig ist, erklärte die Rolle der Bischofsvollversammlung in einer Zeit des Pluralismus der Religionen aufgrund der tragischen Kirchenspaltung und der Ökumene in der serbisch-orthodoxen Kirche.

Erinnerungspolitik und Aufarbeitung
Im Gespräch mit dem Soziologen Univ.-Prof. Dr. Todor Kulijč an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad wurde über Politiken der Erinnerung in Ex-Jugoslawien diskutiert. Aufgrund des Todestages und der Beerdigung von Jovanka Budisavljevič-Broz, der Ehefrau des langjährigen diktatorischen Staatschefs von Jugoslawien, Josip Broz Tito, die, wurde auch über Tito als Führer diskutiert und die Reisenden konnten sich verschiede Eindrücke über dessen Wahrnehmung in der Bevölkerung machen. Dr. Todor Kulijč beschreibt Jovanka´s Tod und ihre Beerdigung als symbolischen Abschied von Jugoslawien.
Unter dem kulturellen Blickpunkt wurde zur Ausstellungseröffnung der "Generation Lost - Life without Art(ists): diSTRUKRURA" und einem Gespräch über den Brain Drain aus Serbien geladen. Dort wurden künstlerische Projekte vorgestellt, die in Kooperation zwischen Belgrad und Graz zustande kamen.
Zu weiteren anregenden Diskussionen kam es mit Menschenrechtsaktivisten und weiteren Künstlern, welche ihre Projekte im Zusammenhang mit Fragen zu Nationalitäten und Identitäten und der Verarbeitung und Erinnerung an Menschenrechtsverletzungen in den 90er-Jahren vorstellten. Einer der jungen Aktivisten zog eine Bilanz aus dem Zerfall Jugoslawiens: "Das Kriegsziel wurde erreicht, wir haben nun völlig getrennte Staaten und Gesellschaften".

Nostalgische Stadtbesichtigung
Natürlich wurde auch eine informative Stadtrundfahrt organisiert, bei der nicht nur die wichtigsten Bauwerke und Regierungsgebäude der Stadt besichtigt wurden: Man konnte sich anhand mehrerer noch immer vorhandener zerbombter Gebäude inmitten der Stadt auch ein Bild von der Zeit im Jugoslawienkrieg machen. Der Besuch des Föderationspalastes, der von 1991 bis 2003 den Sitz der Regierung der Bundesrepublik Jugoslawien darstellte, sorgte unter den Reiseteilnehmern im Lichte der sozialistischen imposanten Architektur ebenfalls für etwas bedrückende und nostalgische Stimmung.

Steirischer Wein schmeckte den internationalen Gästen
Am Abend lockerte sich die Atmosphäre und wurde entspannt und feierlich, als der Botschafter die steirische Delegation anlässlich des österreichischen Nationalfeiertages im Rathaus in Belgrad empfing. In seiner Eröffnungsrede bedankte er sich für den vom Land Steiermark zur Verfügung gestellten Steirischen Wein, der später auch von zahlreichen Gästen gelobt wurde.

Café Europa in Belgrad
Anlässlich des Serbien-Schwerpunktes wurden die Reiseteilnehmer auch zu einem Café Europa geladen. Unter der Moderation von Reisebegleiter Harald Baloch diskutierten Dragan Velikič, Schriftsteller und ehemaliger Botschafter, Zoran Hamovič, Verleger und Sonderberater im Kultusministerium der Republik Serbien, und Andreas Ernst, Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Belgrad, über Intellektuelle in Serbien, über die Entwicklung des Auslandsjournalismus in Krisengebieten und über Pseudonationalismus. Zoran Hamovič, beschrieb die Veränderung in der Autorenszene: "Twenty years ago they sold ideas, now they are selling books". Die Erwartungen an Österreich für die Autoren seien eine bessere Kooperation ausländischer Universitäten mit Serbien sowie eine Förderung der Bildung in Hinblick auf Deutschkenntnisse für serbische Studenten.

Nicht nur die Hauptorganisatoren Heidi Zikulnig und Astrid Kury blicken auf eine lehrreiche europapolitische Bildungsreise zurück, die gesamte Reisegruppe bedankte sich herzlich für die Organisation. Die Reise gab allen die Gelegenheit, außergewöhnliche Menschen in persönlichen Gesprächen kennen zu lernen und einen Einblick in die persönliche Wahrnehmung der Serben bezüglich des Zerfalles von Jugoslawien zu erhalten und über die Zukunft des Landes zu diskutieren. Außerdem konnten sie hautnah Menschen und Land, Wirtschaft und Kultur erleben. Bis zum Ende diesen Jahres wird es auch in Graz noch weitere Schwerpunkte zu Serbien geben.

Isabella Fritsche

 

Dom  © europe-direct
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Tesla Museum © europe-direct
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